Trends in der endosonographischen Literatur: 1980 - 2011

Von Christian Jenssen

Die Endosonographie ist die „Königsdisziplin“ der gastroenterologischen Endoskopie [1]. Das Erlernen der Methode stellt uns vor erhebliche Herausforderungen, müssen doch beim Untersucher sowohl hervorragende sonographische Kenntnisse und Erfahrungen, anatomische Kenntnisse als auch eine sehr gute endoskopische Expertise vorliegen und mit dreidimensional-topographischem Vorstellungsvermögen kombiniert werden. Vor weitere Herausforderungen stellt uns die jährlich wachsende Anzahl von Publikationen. Zwischen 1980 und 1989 erschienen 149 wissenschaftliche Zeitschriftenartikel zur Endosonographie, zwischen 1990 und 1999 waren es 1000, von 2000 bis 2009 dann bereits 2213 [2]. Nachdem zwischen 1998 und 2004 mit etwa 150 pro Jahr publizierten Artikeln eine Stagnation eingetreten zu sein schien, nimmt die Zahl von Publikationen nunmehr wieder von Jahr zu Jahr deutlich zu. Eine italienische Arbeitsgruppe publizierte 2011 auf der Grundlage einer PubMed-Recherche eine Analyse der endosonographischen Zeitschriftenliteratur des vergangenen Jahrzehnts (Januar 2001 – Januar 2010). Nach Ausschluss von Kasuistiken, Briefen und Editorials konnten 1763 retrospektive und prospektive klinische Studien, Übersichten, Meta-Analysen, Befragungsstudien und Fallserien analysiert werden, die in mehr als 250 Zeitschriften publiziert worden sind [3]. Die gleiche Arbeitsgruppe veröffentlichte Ende 2011 auch eine systematische Review über die Evidenzgrade der wissenschaftlichen EUS-Literatur, in die 1832 von Januar 2001 bis Dezember 2010 veröffentlichte Studien einbezogen wurden [4].

Wesentliche Ergebnisse dieser Analysen und einer eigenen PubMed-Recherche der 2011 erschienenen endosonographischen Publikationen [5] sollen hier als Auftakt einer neuen Serie „EUS aktuell: für Sie gelesen“ kurz dargestellt werden. Mit diesem Literatur-Service wollen wir den Besuchern unserer Website helfen, den Überblick über wichtige aktuelle Veröffentlichungen zur Endosonographie zu behalten, aber auch Anregungen zu einer eigenen vertieften Beschäftigung mit ausgewählten Veröffentlichungen geben. Die Highlights der aktuellen EUS-Literatur werden auch beim EndoSono Update in Wiesbaden dargestellt und kritisch bewertet, das am 16. Und 17. November 2012 zum zweiten Mal in Wiesbaden stattfinden wird [http://www.endo-sono-update.com/] und natürlich –wie seit 12 Jahren- auch in diesem Jahr im Rahmen des 12. Endosonographietages am 24. November 2012 in Berlin [http://www.eus-bb.de/endosonographietag-2012/].

 

Was wurde 2001-2010 veröffentlicht?

Etwas mehr als 20% der EUS-papers (2001- 2010) sind prospektive Studien, nur ganz wenige sind prospektiv kontrolliert. Es dominieren retrospektive Studien und Fallserien. Zunehmend sind aber auch sehr gute systematische Reviews und Meta-Analysen sowie vereinzelt auch Leitlinien publiziert worden (Tabelle 1) [3].

Wo wurden EUS-Studien veröffentlicht?

Knapp ein Drittel aller Endosonographie-Artikel erschien in Gastrointestinal Endoscopy (361 Artikel) und Endoscopy (167 Artikel). Für EUS-Interessenten wichtige Zeitschriften sind auch mit mehr als 30 Artikeln im Zeitraum 2001 – 2010 American Journal of Gastroenterology, World Journal of Gastroenterology, Clinical Gastroenterology & Hepatology, Journal of Gastroenterology & Hepatology, Cancer, Gastrointestinal Endoscopy & Clinics North America and Journal online Pancreas (JOP) [3].

 

Publikationsgeographie

Nahezu die Hälfte der EUS-Publikationen (2001 – 2010) stammt von amerikanischen Autoren, knapp ein Drittel aus Europa, 18% aus Asien, nur 1,1% und 0,2% aus Australien/ Neuseeland bzw. Afrika. In einer Betrachtung nach Herkunftsländern kommt Deutschland mit 114 Publikationen (gerade noch) auf Platz 3 nach den USA (826) und Japan (172). Dieses Ranking ist im Vergleich mit dem Zeitraum von 1980 – 2000 unverändert [ 6]. Dennoch ist unverkennbar, dass der Beitrag deutscher Autoren im Vergleich nicht nur zu den USA, sondern auch zu anderen Europäischen Ländern (Großbritannien, Italien, Niederlande) zahlenmäßig leider an Gewicht verliert. Deutsche Autoren publizierten zwischen 1980 und 2000 mehr EUS-Artikel (162) als zwischen 2001 und 2010 (114), während Autoren aus den USA, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Spanien, Dänemark, China, Korea, Polen, Kanada, Australien, Rumänien und einigen weiteren Staaten in der letzten Dekade teilweise deutlich mehr Veröffentlichungen aufzuweisen hatten als in den zwei Dekaden von 1980 bis 2000 [3, 6]. Hier geht leider Boden verloren, obwohl Deutschland sicherlich eines der Ländern mit der größten Verbreitung der Endosonographie ist [2].

 

 

Was sind die zentralen Themen?

In der ersten Dekade dieses Jahrtausends stand die Endosonographie des Pankreas (solide Tumoren, zystische Läsionen, chronische Pankreatitis, akute Pankreatitis, Therapie) mit 28,4% aller Veröffentlichungen wesentlich deutlicher im Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses als im Vergleichszeitraum 1980 – 2000 (15,1%). Parallel dazu nahm das Interesse für das traditionelle Thema des Stagings gastrointestinaler Hohlorgantumoren, das sich aber noch knapp an zweiter Stelle der Indikationsbereiche behauptet, relativ ab (15,5% versus 30%). Einen deutlichen Bedeutungszuwachs haben die Indikationsbereiche Mediastinum (6,9% versus 1,9%) und Therapie (5,7% versus 1,6%)  erfahren (Abb. 1) [3, 6].

Wie sind die Evidenzlevel?

Die methodische Qualität der endosonographischen Literatur hat mit der Veröffentlichung wichtiger Meta-Analysen (Level IA: n= 20; 1,1%), einiger prospektiv randomisierter kontrollierter Studien (Level IB: n= 45; 2,4%) und prospektiver kontrollierter Studien (Level IIA; n= 25;1,4%) an Statur gewonnen (die Zahlen beziehen sich auf den Veröffentlichungszeitraum 01-2001 bis 12-2010). Weitere 20% der veröffentlichten Studien genügen dem Evidenzlevel IIB (n=368) [4]. Gerade in den Jahren 2008 – 2010 hat die Anzahl von Veröffentlichungen hoher Evidenzgrade (IA, IB, IIA) substanziell zugenommen. Die Endosonographie ist damit heute für die meisten Indikationen eine etablierte und evidenzbasierte Methode [1, 2]. Sie hat mit gut begründeten Empfehlungen Eingang in zahlreiche Leitlinien gefunden, jüngst in die S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie des Magenkarzinoms [7].

Die endosonographischen Themen des Jahres 2011

Eine PubMed-Recherche für einen Vortrag auf der DGE-BV 2012 ergab für 2011 insgesamt 430 endosonographische Zeitschriftenveröffentlichungen (Abb. 2) [5].

Thematisch waren mehr als die Hälfte pankreatobiliären Indikationen zuzuordnen (51,9%), gefolgt von den gastrointestinalen Hohlorganen (Staging und submuköse Tumoren: 20,2%), allgemeiner Endosonographie und verschiedenen Indikationen (12,8%), mediastinalen Indikationen (9,5%) und Veröffentlichungen zur Endosonographie von Leber, Milz und Gefäßen (5,6%). Das Top-Thema des Jahres 2011 war die endosonographisch gestützte Biopsie mit insgesamt 168 von insgesamt 430 Veröffentlichungen (39,1%). 139 Arbeiten bezogen sich auf noninvasive EUS-Diagnostik (32,3%), darunter 26 Arbeiten zu neuen EUS-Technologien (3D, Elastographie, kontrastverstärkter EUS). 73 Arbeiten (17%), ganz überwiegend Fallserien, beschrieben EUS-gestützte Therapieverfahren [5].

 

Zusammenfassung und Ausblick: wir lesen für Sie!

Bei deutlich zunehmender Anzahl der nichtkasuistischen Veröffentlichungen zur Endosonographie (1980 – 2000: im Durchschnitt 43 pro Jahr; 2001-2010: im Durchschnitt 183 pro Jahr; 2011: 337) fällt es zunehmend schwer, den Überblick über die aktuelle Endosonographie-Literatur zu behalten. Hilfreich sind Update-Vorträge, wie sie traditionell beim Endosonographietag Berlin-Brandenburg und neuerdings beim EndoSono-Update in Wiesbaden und bei Kongressen wie der DGE-BV und dem Ultraschalldreiländertreffen angeboten werden. Es ist sinnvoll, in den einschlägigen deutschsprachigen Zeitschriften zunehmend qualitativ gute Übersichtsartikel zu aktuellen Endosonographiethemen anzubieten, beispielsweise in der Zeitschrift für Gastroenterologie [1, 8, 9], in Ultraschall in der Medizin [10-12] und in Endoskopie heute [2, 13, 14]. Der Endosonographieclub Berlin-Brandenburg wird zukünftig auf seiner Website www.eus-bb.de eine neue Rubrik „EUS aktuell: für Sie gelesen“ präsentieren.

 

Literatur:

1. Dietrich CF, Jenssen C. Evidenzbasierte Endosonografie. Z Gastroenterol 2011;49(5):599-621.

2. Jenssen C. Diagnostische Endosonography - state of the art 2009. Endo heute 2009;22(2):89-104.

3. Fusaroli P, Kypreos D, Alma Petrini CA, Caletti G. Scientific publications in endoscopic ultrasonography: changing trends in the third millennium. J Clin Gastroenterol 2011;45(5):400-4.

4. Fusaroli P, Kypraios D, Eloubeidi MA, Caletti G. Levels of Evidence in Endoscopic Ultrasonography: A Systematic Review. Dig Dis Sci 2011.

5. Jenssen C. Diagnostische Endosonographie. Update 2011 - 2012. DGE-BV. München, 23.03.2012.

6. Fusaroli P, Vallar R, Togliani T, Khodadadian E, Caletti G. Scientific publications in endoscopic ultrasonography: a 20-year global survey of the literature. Endoscopy 2002;34(6):451-6.

7. Moehler M, Al-Batran SE, Andus T, Anthuber M, Arends J, Arnold D, et al. S3-Leitlinie "Magenkarzinom" Diagnostik und Therapie der Adenokarzinome des Magens und ösophagogastralen Übergangs. Z Gastroenterol 2011;49(4):461-531.

8. Jenssen C, Dietrich CF, Burmester E. Maligne Neoplasien des Verdauungstrakts-neue Aspekte zum endosonografischen Staging. Z Gastroenterol 2011;49(3):357-68.

9. Hocke M, Ignee A, Dietrich CF. Advanced endosonographic diagnostic tools for discrimination of focal chronic pancreatitis and pancreatic carcinoma--elastography, contrast enhanced high mechanical index (CEHMI) and low mechanical index (CELMI) endosonography in direct comparison. Z Gastroenterol 2012;50(2):199-203.

10. Dietrich CF, Hocke M, Jenssen C. Interventionelle Endosonografie. Ultraschall Med 2011;32(1):8-22, quiz 23-5.

11. Will U, Mueller A, Topalidis T, Meyer F. Value of endoscopic ultrasonography-guided fine needle aspiration (FNA) in the diagnosis of neoplastic tumor(-like) pancreatic lesions in daily clinical practice. Ultraschall Med 2010;31(2):169-74.

12. Jenssen C, Dietrich CF. Sonografie und Endosonografie der Nebennieren. Ultraschall Med 2010;31(3):228-47; quiz 48-50.

13. Jenssen C, Möller K. Schwierige endosonografische Differenzialdiagnosen am Pankreas - zystische Läsionen. Endo heute 2010;23(4):253-66.

14. Jenssen C, Möller K, von Lampe B, Kahl S. Schwierige endosonografische Differenzialdiagnosen am Pankreas - chronische Pankreatitis. Endo heute 2012;25(1):42-52.